20.06.2017

Es begann alles wie immer mit dem Hitch zum Trail. Meine 5 Gruppenmitglieder haben sich dazu entschlossen von Lone Pine aus den Bus zu nehmen der die 20 Meilen zum Trailhead in die Sierra fährt. Kostest allerdings 25€ der Spaß – pro Person. Leider hatte dieser Shuttle nur noch 5 Plätze frei, so habe ich mich dazu entschlossen auf eigene Faust zurück in die Sierra zu kommen. Kaum war ich auf der Straße Richtung Trailhead angekommen, hat mich ohne den Daumen raushalten zu müssen, jemand gefragt wo ich denn hin möchte. Der Rentner erklärte mir dann später, dass er lieber den Hikern hilft als in seiner Freizeit auf der Couch zu liegen und Bücher zu lesen. Schließlich lernt er in seinem Auto viele tolle Menschen aus der ganzen Welt kennen. Am Trailhead angekommen kam uns direkt eine Frau entgegen die ebenfalls über das ganze Gesicht strahlte als er sie fragte ob sie eine Fahrt in die Stadt braucht.

Nach der 20 Minütigen Fahrt waren wir dann auch endlich angekommen. Oben sind es ca. 15 Grad kühler als unten in Lone Pine. Allerdings immernoch ziemlich heiß, da es in Lone Pine locker flockige 45 Grad heiß ist. Zudem ist die Luft auf ca. 9000 Fuß viel dünner. Und es wird die Tage noch viel höher gehen.

Angekommen am Trailhead ging es hoch Richtung PCT. Nach ca. 8 Meilen erreichten wir diesen und errichteten unser Camp. Mehr hatten wir uns nicht vorgenommen.

21.06.2017

Wie bereits im Januar angekündigt, wird dieses Jahr in der Sierra hauptsächlich Schnee das größte Problem sein. Und auf ca. 11500 Fuss haben wir unser erstes Schneefeld überwinden müssen.

Ebenfalls neu für uns sind ab jetzt die Flussüberquerungen. Der PCT besitzt leider nicht für jeden Fluss eine Brücke, so müssen Jahr für Jahr die Hiker durch, teilweise mehrere, Flüsse täglich durchlaufen. Brücken werden meistens während der Schneeschmelze jedes Jahr einfach weggespült. Dieses Jahr ist es allerdings besonders schlimm. Durch den Meterhohen Schneefall (zuletzt vor 22 Jahren so hoch) bilden sich jetzt bei heißen Temperaturen reißende Flüsse. Ranger warnen uns vor Ort, geben Tipps und leiten uns in flachere Regionen, des Flusses. Sie geben und Auskunft über weitere Flüsse.

So haben wir diesen Fluss ca. Eine halbe Meile Flussaufwärts sicher über ein Baumstamm überqueren können.

Unser Ziel war es heute so nah wie möglich an den Mt. Whitney zu kommen um diesen morgen zu besteigen.

22.06.2017

Morgens um 4 Uhr ging es los in Richtung Mt. Whitney. Dieser Berg ist, ausgenommen Alaska, der höchste Berg der Vereinigten Staaten. Als PCTler hat man die Lizenz den Mt. Whitney von Westen aus zu besteigen. Er ist nicht Teil des PCT und bedeutet extra 16 Meilen! Aber das ist es wert. 

Der Anlauf zum Whitney war schon ziemlich hart. Es ging ausschließlich über Schnee. Teilweise musste man vorsichtig sein, weil sich Flüsse unter dem Schnee befinden konnten.

Irgendwann erreichten wir dann auch den Berg und konnten endlich die zahlreichen Switchbacks hochklettern. Leider blieb es hauptsächlich beim klettern, denn der Trail war an einigen Stellen von Schnee bedeckt, zerstört oder einfach nicht sichtbar.

Nach ca. 7 Stunden waren wir dann tatsächlich oben angekommen. Ein Wahnsinns Gefühl den höchsten Berg der USA bestiegen zu haben! 

Lange haben wir uns dort allerdings nicht aufgehalten. Die Mittagssonne knallte und wir wollten wieder runter bevor die schneebedeckten Switchbacks zu weich werden. Gegen 17 Uhr waren wir dann wieder im Camp. 

Wir konnten auf dem Rückweg einiges an Zeit sparen, weil wir teilweise mehrere Switchbacks durch Glissading (Runter rutschen auf Schnee) überwinden konnten. Bei meinem ersten Versuch habe ich so viel Geschwindigkeit aufgenommen, dass ich mich am Ende 3 mal überschlagen habe. Aber es ist alles an mir dran geblieben.

Mit diesem Foto Grüße ich übrigens unseren lokalen Sportverein SV Fortuna Einen.

23.06.2017

Trotz der Müdigkeit vom Whitney Summit ging es heute morgen früh los. Wir müssen heute 4 Flüsse überqueren und es so nah wie möglich an den Forester Pass (höchster Punkt auf dem PCT) schaffen.

Erster kleiner Fluss

Zweiter Fluss

Dritter Fluss – Die Ranger sagten gestern zu uns nur „You are pretty fucked up. Do not try it!“ Aber wir haben ca. eine halbe Meile flussabwärts eine Möglichkeit der Überquerung gefunden.

Vierter Fluss 

Als wir dann wieder losziehen wollten gratulierte mir plötzlich ein Hiker zum Geburtstag. Alle aus meiner Gruppe umarmten mich mit ihren nassen und stinkenden Klamotten gleichzeitig und sangen Happy Birthday. So ist es Tradition wenn jemand Geburtstag hat. Es war ekelig aber es hat mich gefreut. Ich kann froh sein, dass ich nicht in der Wüste Geburstag hatte. 

Ca. 4 Meilen vom Forester Pass haben wir dann unser Camp errichtet.

24.06.2017

Nun sollte der Tag kommen, an dem ich tatsächlich den berühmt berüchtigten Forester Pass überwinden sollte – der höchste und mitunter gefährlichste Punkt auf dem PCT. Adrenalin garantiert! Ich habe mich entschlossen um 4 Uhr los zu ziehen um noch vor der Schneeschmelze wieder nach unten laufen zu können. Meine Crew wollte dagegen länger schlafen. So machte ich mich noch im Dunkeln alleine über die Schneefelder auf dem Weg zum Pass. Ich habe mich mehrfach verlaufen! Bin dann aber dann als es hell wurde ziemlich nah am Pass heran gekommen. Überall nur Schnee.

Weg Richtung Camp

Erste Sicht auf den Forester Pass (mittig, schneebedeckte Ritze in der Bergkette.

Angekommen am Forester Pass war ich nicht alleine, sodass ich entschied nicht mehr auf meine Crew zu warten und den Aufstieg zu wagen. 

Normalerweise erreicht man die Höhen durch unzählige Switchbacks  (Zick Zack Wege um nicht zu steil den Berg hochzuklettern). Leider waren diese nicht zu erkennen so entschied ich mich den Anstieg frontal mit Spikes und Eisaxt anzugehen. Ein Fehler und es geht steil bergab.

Weiter oben angekommen gab es endlich sowas wie ein Weg. Immernoch sehr rutschig und gefährlich. Am Ende bin ich dann endlich am befestigten Weg angekommen.

Das war so der erste Moment an dem ich realisiere wie viel Adrenalin durch mein Blut fließt. Meine Knie zitterten. Aber nun ging es hoch auf befestigen Weg bis zur finalen Hürde.

Jetzt befinde ich mich tatsächlich ganz nah an der vorher angesprochenen schneebedeckten Ritze. Und der Trail geht quer rüber. Allerspätestens jetzt rast das Herz. Es geht 500 Meter bergab. Ein Fehler – absolut tötlich!

Aber ich habe es geschafft. Glücksgefühle und Adrenalin pur. Noch zwei, drei Switchbacks und ich bin sicher oben angekommen. 

Wahnsinn! Davon habe ich schon seit 2 Jahren geträumt und es endlich geschafft. Und allerspätestens an diesem Punkt versteht jeder Hiker das der PCT nicht einfach nur ein Wanderweg ist, sondern deutlich mehr abverlangt als es viele für möglich halten.

Ich entschloss mich nach einer kurzen Pause direkt wieder den Abstieg anzugehen. Es ist mittlerweile 8 Uhr und die Sonne lässt den Schnee bereits weich werden.

Es ging bis zum Abend von 13200 Fuss nur noch bergab bis auf 9000 Fuss runter, wo wir unser Camp errichtet haben. 

25.06.2017

Heute sollte es eigentlich ein einfachere Tag werden. Wir werden die 8 Meilen lange Route nach Independence nehmen die über den Kearsage Pass führt. Ich erklärte meiner Crew, dass ich gerne noch länger schlafen möchte da bis zur Stadt keine größeren Gefahren auf mich lauerten. 

Dies stellte sich leider später als unwahr heraus. Alleine stand ich morgens um 9 vor einen reißenden Fluss, der in meinem Dokumenten eigentlich nicht mal als kleiner Bach gelistet war. Nagut, so bin ich dann halt mit samt Backpack auf dem Rücken rüber gesprungen. Sanft gelandet bin ich nicht. Aber ich habe es geschafft.

Am Bullfrog See angekommen (nicht mehr Teil des PCT) konnte ich den Kearsage Pass erkennen (zwischen dem linkem Berg und der ersten Wolke von links). 

Am See vorbei ist mir dann ein Missgeschick passiert. Ich bin, wie öfter mal, im Schnee ausgerutscht und hingefallen. Nur diesmal frontal und mit dem Knie gegen den einzigen Stein im Schnee geknallt. Ich hab so laut geschrien vor Schmerz, das selbst die Vögel in der Umgebung davon geflogen sind. Voll auf die Kniescheibe, das ganze Körpergewicht, Backpack und der Schwung beim ausrutschen sorgte für ein lauten Knall! 10 Minuten rührte sich bei mir gar nichts. Ich nahm eine Schmerztablette und versuchte hoch zu kommen. Es klappte. Es scheint nichts kaputt zu sein. Schmerzen stark. Jeder unsichere Schritt tut Weh. Man überquert tagelang Flüsse und hohe Klippen und dann ist es am Ende doch nur ein kleiner Stein der ein die größten Probleme breitet. 

Irgendwie habe ich es dann geschafft über das steile SchneeFeld zum Pass zu gelangen. Mir rennt leider mittlerweile die Zeit davon. Der Schnee ist mittlweile wie Slusheis. 

Auf der anderen Seite angekommen geht es noch weiter 4 Meilen bergab durch den Schnee bis ich den Onion-Valley Campground erreichen kann, wo ich die Chance habe einen Autofahrer zu finden der mich in die Stadt fährt. Auf dem Weg runter bin ich mehrfach weggerutscht. Einmal habe ich, beim Versuch mich zu bremsen, meine Eisaxt verloren und bin erst an einem Busch zum Stillstand gekommen. Ein anderes mal bin ich wieder ausgerutscht und habe mit meiner Hüfte einen Stein geküsst. Ich bin mittlerweile ziemlich am Ende. 

Nach ca. 4 Meilen habe ich dann endlich Autos gesehen. Und tatsächlich einer wartete nur auf Hiker um sie freiwillig in die Stadt zu fahren. 

Der Cut an meinem Knie hörte auch endlich auf zu bluten. Der Fahrer, selbst ein Hiker der die Schneeschmelze ein Monat lang abwarten möchte und sich deshalb ein Mietwagen organisiere, war sogar bereit mich bis nach Bishop (weitere 40 Meilen) zu fahren. Wo meine Crew für mich ein Bett im Hostel gebucht hat.

Ich versuche jetzt mich derweil ein bisschen zu erholen. Die Woche war anstrengend: 48 Meilen in 6 Tagen; 2 Pässe; Mt. Whitney; 6 reißende Flüsse und viel viel Schnee. Zudem meine Verletzung. Ich habe Leute gesehen die sind umgedreht. Waren fix und alle mit den nerven. Ich habe gesehen wie Leute in Flüsse gefallen sind. Teilweise erst nach 500 Meter wieder an Land gekommen sind. Leute mit Wasser in der Lunge. Und viele weinende und verzweifelte Gesichter. Die PCT Association warnt derweil immernoch in die Sierra zu gehen. Viele Amerikaner nehmen sich 1 – 2 Monate Auszeit vom Trail um später wieder zu kommen. Es ist einfach zu gefährlich. Allerdings habe ich die Zeit und das Geld dafür nicht. Einfach eine Section zu überspringen ist auch nicht so einfach. Überall auf dem gesamten Trail liegt Schnee. Einige haben abgebrochen, einige wandern nun auf anderen Trails und bleiben erstmal vom PCT fern. 

Morgen schon will meine Crew wieder los. Es geht wieder über den Kearsage Pass zurück auf den Trail. Es sind 77 Meilen bis zur nächsten Stadt. Das bedeutet mindestens Essen für 10 Tage. Ich muss mein Knie voll belasten können, damit ich meine Crew nicht in Verzug oder Gefahr bringe. Auch auf mich selbst muss ich aufpassen. Ich habe vieles erreicht auf meiner Reise. Habe die Wüste Kaliforniens geschafft. Habe Mt. Whitney bestiegen und den Forester Pass geschafft. Bin aber nicht bereit leichtsinnig Fehler zu begehen. Wir werden sehen..

Jan

6 Replies to “20.06.17 – 25.06.17 – Von Lone Pine nach Bishop – 48 Meilen

  1. Hallo Jan,
    ich wollte mich nur mal für deinen tollen Blog bedanken.
    Ich freue mich immer wenn ich wieder etwas Neues von deinem Trip zu lesen bekomme 🙂

    Ein Riesen Lob an deine derzeitige Leistung. Das zeigt das du deinen inneren Schweinehund mehr als nur einmal überwunden hast.
    Hut ab und viel viel viel Erfolg auf deinen weiteren Weg.

    Freundliche mich schon auf mehr von dir.

    Grüße zum PCT

  2. Auch von mir aus Rechterfeld noch nachträglich „Alles Gute zum Geburtstag!“

    Deine Bilder sind wirklich großartig. Das macht Lust auf mehr. Hör blos nicht auf zu fotografieren …

    Gruß
    Martin

  3. Wow…du bist echt eine harte Socke! Viel Erfolg weiterhin und bleib gesund! Freu mich auf neue Lebenszeichen von Dir!

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